About

Seit dem Jahr 1999 beschäftige ich mich mit Stickerei und textilen Bildern. Von der Malerei inspiriert, versuchte ich Strukturen in meine Bilder einzuarbeiten und entdeckte zuletzt die Leinwand als Untergrund für meine Stickbilder. Die Stickerei erlaubt es Brüche darzustellen, denn das Medium  gibt  durch seine liebliche und handwerkliche Prägung erst später die Sicht auf den Inhalt frei. Ich mag Widersprüche, das Klischee des Kunsthandwerklichen  und das Spiel mit ihm, denn es erlaubt ,Vorstellungen erneut zu reflektieren und sie aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Ich sehe meine Arbeiten als entliehene Splitter an. Entliehen nenne ich sie, denn sie sind Teil des kulturellen und medialen Geschehens. Ich versuche diese Strömungen aufzunehmen, Ereignisse die um die Welt gehen zu verstofflichen und in ein Material umzusetzten, das viel Muße verlangt, denn das Sticken erfordert Zeit. Die Bilder entstehen zuerst am Computer. Hier werden die Splitter zusammengesetzt, die aus Eindrücken einer entrückten Welt in einen neuen Kontext gesetzt werden. Betrachtungen werden in der Zeit des Entstehens reflektiert und die Innen- mit der Aussensicht collagiert, so dass irgenwann nicht mehr zu erkennen ist  von wem dieses Werk stammt. Letztlich ist es dann die Stickerei, die jedes Bild wieder zu einer Überraschung werden läßt, denn was zuvor am Computer entstand und dann mit Hilfe eines Transferverfahrens auf den Stoff übertragen wurde, um dann ausgearbeitet zu werden, ist nicht das Selbe. Ich gebe meine Vorstellung aus der Hand und sehe, was die Technik damit macht. Die Stofflichkeit schafft immer eine andere Atmosphäre und so kann der inhaltliche Gegenstand noch so hart sein, es wird immer sichtbar bleiben, dass er nur eine Illusion aus Stoff ist.

Text Victoria Martini

 

 

 

Victoria Martinis Arbeitsweise ist verweilend. Die Umsetzung der künstlerischen Idee in Stickerei dauert Stunden, wenn nicht gar Tage oder Wochen. Auf den traditionellen Stoffen mit farbreichen floralen, ornamentalen und pastoralen Mustern wirken die comicartigen Stickereien antagonistisch. Häufig verweist nur der Titel auf die Brisanz, die sich in den bunten Figuren und der märchenhaften Pflanzenwelt verbirgt. Auf den ersten Blick erscheinen die Bilder als Darstellungen einer friedvollen, heilen Welt. Mit dem Erkennen der politischen oder sozial-kritischen Thematik entsteht jedoch ein Bruch. Das anfängliche Lächeln des Betrachters versteinert. Die Adaption medialer Bilder macht aufmerksam auf die Relativierung von Gefahren und Verbrechen, von Namen und Bilder in den Medien, ohne jedoch den Finger moralisierend zu erheben. Die von Amokläufern (Werther Effekt) ausgehende Bedrohung wird in der lieblichen Präsentation der gestickten Namen auf farbenfrohen Stoffen augenscheinlich verleugnet als auch zugleich lanciert. Die ursprüngliche, flüchtige Idee wird in der langwierigen Vorbereitung und der zeitintensiven Umsetzung in Stickerei untersucht, hinterfragt und schließlich angereichert mit komplexen Inhalten. Diese Zerlegung auf gedanklicher Ebene findet ihr Korrelat in der Abstrahierung und Auflösung der Form. Die scheinbare zeichnerische Spontanität wird im Arbeitsprozess ad absurdum geführt.

Text: Kontexart - Vinca Thiele